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Themen der 10. Weltver­sammlung

Caring for Our Common Future – Gemeinsames Wohlbefinden fördern

Die Welt befindet sich heute in einem desaströsen Zustand: Zwischen 2007 und 2016 gab es einen Anstieg von 408% an Kriegstoten, einen Anstieg von 247% an Menschen, die durch Terrorismus umgekommen sind und eine Verdopplung der Zahl von Geflüchteten.[Global Peace Index 2017] Konflikte werden vielerorts fortgeführt, wie in der Ukraine, Syrien, Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo, Jemen, im Heiligen Land, Myanmar, auf der koreanischen Halbinsel sowie zwischen sunnitischen und schiitischen Gruppen. 70% der Weltbevölkerung sieht ihre Religionsfreiheit in hohem Maße eingeschränkt [Freedom House 2018], mehr als 10% der Weltbevölkerung hat weniger als US$1.90 pro Tag zur Verfügung [World Bank 2017] und praktisch alle Staaten hinken ihren Pariser Verpflichtungserklärungen zum Klimawandel hinterher.[http://climateactiontracker.org]

Die heutigen Herausforderungen von Konflikt und Extremismus, Verletzungen von Menschenrechten, Armut und Umweltbedrohungen stehen parallel zu einer Krise des Vertrauens in politische und wirtschaftliche Institutionen. Selbst der Begriff der „Wahrheit” wird in Frage gestellt und Kommunikation wird immer öfter aus kommerziellen oder politischen Überlegungen heraus manipuliert und verfälscht.

„We are a world in pieces. We need to be a world at peace.”

UN Generalsekretär Antonio Guterres’ Tweet vor der UN Generalversammlung 2017

Das Potential: effektives Handeln

Vor diesem Hintergrund schließen sich die Weltreligionen nicht nur auf Grundlage geteilter Werte zunehmend zusammen um gemeinsam zu arbeiten. Sie haben vielmehr – mit ihren positiven Friedensvisionen und zahlreichen potentiellen Ressourcen, einschließlich ihrer enormen Anzahl an Gläubigen und Anhängern, ihrer Spiritualität, ihres ethischen Erbes und ihrer umfangreichen Infrastrukturen – bedeutend bessere Voraussetzungen als viele andere Akteure, um sich effektiv für den Frieden und das Gemeinwohl einzusetzen. Daher steht interreligiöses Handeln im Zentrum der Weltversammlung: Handeln, um gewaltsame Konflikte zu lösen, um Inklusion und Solidarität zu fördern, um nachhaltige Entwicklung zu unterstützen und um die Umwelt zu schützen. Interreligiöses Handeln ist die Grundlage der Versammlung und zugleich ihr wichtigstes Ergebnis.

Eine weitere Leistung der 10. Weltversammlung wird sein, religiöse Akteure über trennende Grenzen hinweg in Lindau zusammen- und ins Gespräch zu bringen. Einander zuhören und zu versuchen den anderen zu verstehen, auch wenn man dessen Position nicht teilt. „We agree to disagree“, also „Wir sind uns einig, dass wir unterschiedliche Meinungen haben“, ist die Botschaft und eine kulturelle Leistung in sich. Ziel der 10. Weltversammlung von Religions for Peace ist, angesichts von politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und entwicklungspolitischen Konflikten, die Religionsgemeinschaften bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung zu unterstützen. Dieser Dialog wirkt als eine Art „Soft Power,“ die auf geteiltem Verantwortungssinn, der gemeinsamen Entwicklung von Vertrauen, Glaubwürdigkeit und koordiniertem Engagement basiert.

Das herausragende Kapital von Religions for Peace ist, dass die Organisation „von oben und von unten“ wirkt. Sowohl die lokalen Gemeinschaften als auch die religiösen Führungspersönlichkeiten setzen sich über Grenzen hinweg für die Schaffung von Frieden ein. Es werden Initiativen lanciert, um lokale Koalitionen zu etablieren, die vor Ort konkrete Probleme angehen können. Auch dank der Nutzung neuer und sozialer Medien können sie insbesondere in multikonfessionellen Kontexten als Katalysatoren wirken.

Gemeinsam gegen Radikalisierung und Eskalation

Die Transformation wahrgenommener Lebenswelten führt zu Ängsten und zur Erosion sozialer Bindungen. Das Potential des interkonfessionellen Dialoges liegt in einer grundsätzlichen Wesensverwandtschaft praktisch aller Glaubensrichtungen. Sie wirken, indem sie die Gegenwart transzendieren und ihr Sinn verleihen. Sie geben Halt in einer sich wandelnden Welt: Halt im Glauben und Halt in der Glaubensgemeinschaft. Dieser Halt, die Notwendigkeit von Sinngebung und Gemeinschaftsbildung, wird im digitalen Zeitalter noch bedeutender, aber auch herausfordernder.

Diese Funktion der Sinngebung und des Stiftens von Gemeinschaft wirkt inkludierend wie exkludierend. Im Bewusstsein darüber symbolisiert der Lindauer Dialog eine Einladung zur Verständigung über Grenzen und Differenzen hinweg. Miteinander zu sprechen bedeutet, den anderen in seiner Andersartigkeit anzuerkennen und zu respektieren. Es ist ein „Gegenmittel“ gegen Radikalisierung und Eskalation. Indem die Weltreligionen in diesen Dialog eintreten, stellen sie ihren Verantwortungssinn nach innen wie nach außen unter Beweis.

Klimawandel: ein existenzielles Thema

Darüber hinaus lädt die Weltversammlung ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein, darüber zu reflektieren, wie unsere Einstellungen zu Wirtschaftssystemen, politischen Institutionen und Gesellschaften zu bewerten – und schließlich zu verbessern – sind. Grundlage ist die Frage, welchen Beitrag sie zu gemeinsamem Wohlbefinden und im Dienste der Menschheit leisten und inwiefern sie vor allem die Umwelt gebührend wertschätzen und schützen. „Gemeinsames Wohlbefinden“ („Shared Well-being“) drückt im Kern ein „positives“ Friedensverständnis aus, eine Anerkennung, dass Frieden mehr ist als die bloße Abwesenheit von Krieg und Konflikten – eine Ansicht, die jede religiöse Tradition auf ihre Art und Weise zum Ausdruck bringt.

Sorge um die Schöpfung bedeutet auch die Sinngebung der Existenz jedes Einzelnen in seiner Umwelt. Ein globaler Diskurs zur Nachhaltigkeit kann nicht nur unter Eliten geführt werden, sondern sollte die lokale Ebene miteinbeziehen. Initiativen eines interkonfessionellen Dialogs über Nachhaltigkeit ermöglichen es, die sinngebenden und gemeinschaftsstiftenden Funktionen der Religionen zu aktivieren. Der Fokus auf Transzendenz verleiht den Religionen einen langen Atem, wenn es um weltliche Dinge geht. Damit setzen sie einen Kontrapunkt zur Dominanz der Gegenwart. Der Klimawandel zeigt auf, dass die Existenzgrundlage der Menschheit auf dem Spiel steht. Nachhaltiges Denken und Handeln sind somit fällig. In diesem Zusammenhang macht sich die Weltversammlung von RfP selbst – aber auch aller Welt – bewusst, ruft dazu auf, in neuer Weise Verantwortung zu übernehmen.

Religionen als „Treuhänder des Wissens“ gegen „Fake News“

Sinngebung und Gemeinschaftsbildung sind in Zeiten von „Fake News“ wichtiger denn je. Auch wenn man Fakten unterschiedlich interpretieren mag, ist es Teil der Verantwortung von Religionen, eine Treuhänderfunktion für das „Wissen über die Welt“ einzunehmen und Fakten nach bestem Wissen und Gewissen darzustellen. Dies wirkt nicht nur als Schutz gegen Demagogie, als „Gegenmittel“ gegen eine Instrumentalisierung des Glaubens, sondern trägt auch zu einem gesunden gesellschaftlichen Diskurs bei, der ethnische, religiöse oder weltanschauliche Differenzen überbrücken und einen „Common Sense” etablieren kann. Dieser stützt ein gesellschaftliches Miteinander. RfP verdeutlicht als Weltversammlung die Notwendigkeit, nicht das nationale Gemeinwohl, sondern das die gesamte Welt umfassende gemeinschaftliche Wohl als Aufgabenstellung zu begreifen. In dieser Hinsicht bringen die Religionen ihre spirituelle Kraft und Fähigkeit, ihr Vertrauen und ihre Zuversicht mutig ein.

Frauen Vor-Versammlung

Jugend Vor-Versammlung