Der ehemalige Oberbürgermeister Gerhard Ecker bei der 10. Weltversammlung 2019.
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„Lindau kann mit jeder Metropole konkurrieren“

Lindau/Augsburg

Die Konferenzen der Stiftung Friedensdialog etablieren sich in Lindau. Eine Selbstverständlichkeit ist das allerdings nicht, wie sich der ehemalige Oberbürgermeister Gerhard Ecker in unserem Interview erinnert. Überzeugungsarbeit war am Anfang nötig. Die hat sich aber gelohnt, wie sich aus heutiger Sicht beurteilen lässt.

Herr Ecker, sie waren Lindaus Oberbürgermeister von 2012 bis 2020 und haben 2019 die 10. Weltversammlung miterlebt. Erinnern Sie sich noch daran, als Sie das erste Mal davon erfahren haben, dass Religions for Peace nach Lindau kommen soll?

Ecker: Wenn ich mich richtig erinnere, dann war es Professor Schürer, der mich darauf angesprochen hat. Weil er damals schon ahnte, dass es nicht ganz einfach sein würde, die Konferenz in Lindau zu installieren, kam er frühzeitig auf mich zu, um die Stadt mit ins Boot zu holen. Da habe ich das erste Mal von Religions for Peace erfahren.

Sie sagen, es sei nicht ganz einfach gewesen. Jetzt hätte ich damit gerechnet, dass eine Stadt sich um eine internationale Friedenskonferenz reißt. Warum war das schwierig?

Ecker: Ich sage es mal so: Lindau ist eine Stadt, die von sehr vielen, spannenden Veranstaltungen verwöhnt ist. Das ist schön. Aber es gibt auch einige Lindauerinnen und Lindauer, die sagen: „Es reicht. Wir haben schon genug Gäste.“ Sie kennen ja das Thema „Overtourism“. Was Tourismus anbelangt, ist Lindau mit Garmisch oder Oberstdorf zu vergleichen, wo sich auf engem Raum und kurzer Zeit sehr viel abspielt. Da prüft der Stadtrat jede neue Veranstaltung eben erst einmal ganz genau. Das hatte Herr Schürer damals erkannt und war frühzeitig damit beschäftigt, die örtlichen Kräfte zu überzeugen.

Welcher Moment der Weltversammlung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ecker: Es waren sogar drei Momente: Am eindrücklichsten war die Prozession von der Inselhalle zum Ring for Peace, wo bei der Zeremonie die verschiedenen Religionen vertreten waren. Der zweite Moment, an den ich mich sehr gut erinnere, war die Essenstafel zwischen den Inselkirchen. Das war ein unheimlich tolles Feeling mit den vielen verschiedenen Kulturen und Nationen. Und als drittes erinnere ich mich noch gut daran, wie unser Bundespräsident zur Eröffnung kam. Da hatte auch ich zum ersten Mal die Gelegenheit, mich mit dem Bundespräsidenten zu unterhalten – wenn auch nur am Rande der Veranstaltung. Insofern ist mir die Weltversammlung sehr gut in Erinnerung geblieben.

Gerhard Ecker (rechts) bei der 10. Weltversammlung.

Wenn Sie nun darauf blicken, was seither geschehen ist. Was halten Sie von der Entwicklung der Lindauer Friedenskonferenzen?

Ecker: Es war natürlich schade, dass man 2020 und 2021 wegen der Pandemie nicht dieselbe Anzahl Religionsvertreterinnen und Religionsvertreter in Lindau begrüßen konnte wie 2019. Aber dennoch hat die Stiftung mit Herrn Professor Schürer und Geschäftsführer Ulrich Schneider ein hybrides Format gefunden, mit dem die Konferenz trotz einer geringeren persönlichen Anwesenheit sogar eine größere Gesamtteilnehmerzahl erreichen konnte. Ich habe mir die Technik und Logistik angeschaut, als ich dieses Jahr kurz zu Besuch war. Das ist schon phänomenal, was da mittlerweile möglich ist mit der Übertragungstechnik und dem Fernsehstudio. Offensichtlich hat man mit all dem sogar eine größere Teilnehmerzahl erreicht, als es bei einer reinen Präsenzveranstaltung möglich gewesen wäre.

Eine vierte Konferenz steht bereits im Raum. Die religionsübergreifenden Konferenzen scheinen sich fest zu etablieren in Lindau. Was sagen Sie dazu? 

Ecker: Herr Professor Schürer ist sehr ähnlich gestrickt wie ich: durchsetzungsstark und zielorientiert. Und ich habe ihn bereits im Kuratorium der Nobelpreisträgertagungen erlebt. Außerdem pflegt er starke Verbindungen zur Bundesregierung und zur Bayrischen Staatsregierung. Deshalb hatte ich schon früh damit gerechnet, dass sich die Konferenz etablieren würde. Das ist erfreulich zu sehen, dass das nun auch so gekommen ist. Ich selbst habe meinen Beitrag als Oberbürgermeister immer so verstanden, dass ich alles dafür tue, dass die Lindauerinnen und Lindauer das Vorhaben auch mit tragen. Aus der Sicht der Teilnehmer, mit denen ich immer wieder in Kontakt gekommen bin, ist das sowieso zu erwarten: Wer einmal da war, der will auch wiederkommen. Die Insel, das Flair, die Altstadt, die Lage, die kurzen Wege: Lindau kann mit jeder Metropole konkurrieren – wenn man nicht gerade auf Wolkenkratzer wert legt.

Auch der große Ring auf der Hinteren Insel erinnert das ganze Jahr über an die Konferenz. Es ist ein Hingucker, vor dem sich Menschen gerne fotografieren.

Ecker: Der Ring ist dort genau richtig platziert. Das ist ein super Symbol, das da jetzt dauerhaft steht. Das war aber auch eine Herausforderung damals – wenn ich mich gerade dran erinnere. Die Idee dazu kam recht kurzfristig auf und plötzlich sind Sicherheitsfragen aufgetaucht. Sicherheitsfragen, das wissen Sie ja, machen in Deutschland alles langsamer. Aber wir haben dann auch das rechtzeitig hingebracht.

Ring for peace Geschäftsführer Ulrich Schneider und der ehemalige Oberbürgermeister von Lindau Gerhard Ecker bei der Konferenz Generations in Dialogue.

Was hören Sie eigentlich von Lindauerinnen und Lindauern, wie sie die Friedenskonferenzen finden?

Ecker: Ich habe natürlich noch recht rege mit Lindauerinnen und Lindauern Kontakt. In den Kreisen, in denen ich mich bewege, spielt das Thema Frieden eine große Rolle – wie zum Beispiel bei den Friedensräumen. Viele Menschen, die ich also kenne, sind der Meinung, dass das Thema auch jährlich eine Rolle spielen sollte. Und dass die Stadt das auch – so gut es geht – unterstützen sollte.

Sie leben wieder in Augsburg. Was sagen denn die Menschen außerhalb Lindaus, wenn das Gesprächsthema auf den Standort Lindau kommen sollte? 

Ecker: Ich bin als OB viel in München gewesen und in Augsburg sowie in Memmingen und in Kempten. Das wird natürlich wahrgenommen, was in Lindau alles passiert. Lindau ist völlig überproportional im Bayrischen Rundfunk vertreten. Insofern ist da auch ein gewisses Interesse, wenn man von Lindau hört, und ein Fünkchen Neid dabei. Aber das habe ich immer gut ausgehalten. Denn ich wusste ja, dass es nicht ausschließlich die Lage war, dass in Lindau viel stattfindet, sondern auch, dass wir viel dafür getan haben. Lindau nützt seine guten Chancen.

Gibt es denn eine Frage, die Sie auf der nächsten multireligiösen Friedenskonferenz gerne einmal dem World Council von Religions for Peace stellen würden?

Ecker: Ja, mich beschäftigt immer wieder die Frage, wie es auch von den Religionen unterstützt werden kann, dass die Frauen auf der ganzen Welt gleichberechtigt behandelt werden können. Immerhin stellen die Frauen die Hälfte der Menschheit. Das Thema zieht sich ja überall durch, durch alle Länder. Für mich, der ich als Mann auf der privilegierten Seite stehe, ist das ein zentrales Thema der Menschheit. 2020 war das ja bereits eine zentrale Frage bei einer Konferenz in Lindau – bei der 1. Assembly on Women, Faith & Diplomacy. Diese Frage beschäftigt mich jedenfalls sehr.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (links) trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Lindau ein.
Zum Hintergrund:

Gerhard Ecker wurde 1957 geboren, stammt aus Augsburg und wurde am 26. Februar 2012 zum Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Lindau gewählt – als gemeinsamer Kandidat von SPD, Freien Wählern und ÖDP. Im Jahr 2018 wurde er für weitere sechs Jahre gewählt, beendete seine Amtszeit aber vorzeitig im April 2020, sodass erneut eine gleichzeitige Stadtrats- und Oberbürgermeisterwahl möglich wurde.

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