Annette Schavan im Interview von Ring for Peace.
#RfPWomenFaithDiplomacy

Ausgabe I: Trans­forming Tomorrow

/ I-1 | Annette Schavan: „Den Einsatz von Frauen auf allen Ebenen stärken“

"Den Einsatz von Frauen auf allen Ebenen stärken"

Annette Schavan

Daran, wie sie Frauen einbinden, wird sich die Zukunft der Religionen entscheiden, befindet Annette Schavan, ehemalige Bundesministerin für Forschung und Bildung. Die engagierte Katholikin war zudem Botschafterin der Bundesrepublik am heiligen Stuhl. Zaghafte Knöspchen von Reformen durch Papst Franziskus konnte sie so aus der Nähe beobachten.

Ein interview von Alexander Görlach 05.10.2020
Görlach: In der Corona-Krise haben weibliche politische Leader, in Neu Seeland, Taiwan und Deutschland eine große und positive Rolle gespielt. Ist das nicht der Moment, um noch ein weiteres Mal auf Kompetenz und Führungsstil von Frauen zu schauen, die ja weiterhin in vielen Teilen der Welt diskriminiert werden.

Schavan: Ja, deshalb ist es grossartig, dass Religions for Peace die Rolle von Frauen in weltweiten Friedensprozessen sichtbar macht. Wer Frieden fördern will, muss den Einsatz von Frauen auf allen Ebenen stärken.

Görlach: Ihrer Erfahrung nach: wie unterscheiden sich weibliches und männliches Organisieren und Führen voneinander?

Schavan: Es ist wohl vor allem der lange Atem, die grosse Geduld und die Fähigkeit, Prozesse einzuleiten, die weibliche Führungskompetenz auszeichnet. Frauen erschöpfen sich nicht in grossen Gesten und Events. Sie wissen, dass Führung anspruchsvoll und langfristig angelegt sein sollte. Interessant ist für mich, dass Papst Franziskus schon mehrfach darauf hingewiesen hat, es sei wichtig, Prozesse in Gang zu setzen, nicht Räume zu besetzen. Genau das können Frauen besonders gut.

Görlach: Wie lassen sich die guten Skills von Frauen und Männern miteinander synchronisieren? Wie sähe ein harmonisches Zu- und Miteinander von weiblichem und männlichem Führen aus?

Schavan: Es ist meine Erfahrung, dass gemischte Teams für eine Führungskultur besonders geeignet sind. Dann ergänzen sich die Perspektiven. Dann werden im besten Fall die Stärken miteinander zur Wirkung gebracht. Das ist möglich, wenn Respekt voreinander vorhanden ist.

Görlach: In der Welt der Religionen haben es Frauen auch heute noch nicht leicht: als Amtsträgerinnen mögen sie verpönt sein, ohne sie als Organisatoren in ihren Gemeinden wäre es um die Religionsgemeinschaften nicht gut bestellt. Wie kann die Diskriminierung von Frauen im Bereich der Religion aufgebrochen werden?

Schavan: José Casanova, Religionssoziologe in den USA, hat schon vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass die realisierte Gleichberechtigung von Männern und Frauen in den Religionsgemeinschaften über deren Relevanz in Zukunft entscheiden wird. Meine lapidare Antwort ist deshalb: wenn es eine Religionsgemeinschaft nicht versteht, dann wird ihre Relevanz in diesem 21. Jahrhundert massiv schwinden.

„Es ist meine Erfahrung, dass gemischte Teams für eine Führungskultur besonders geeignet sind. Dann ergänzen sich die Perspektiven. Dann werden im besten Fall die Stärken miteinander zur Wirkung gebracht. Das ist möglich, wenn Respekt voreinander vorhanden ist.”

Annette Schavan

Görlach: Während Ihrer Zeit als Botschafterin am Heiligen Stuhl wurde zum ersten Mal eine Frau mit einer Leitungsfunktion im Vatikan betraut. Wie haben Sie diese zaghafte Öffnung erlebt?

Schavan: Im Diplomatischen Corps beim Heiligen Stuhl gab es zeitweilig 14 Frauen (von 80 residierenden Botschaftern) aus unterschiedlichen Regionen der Welt. Die Erfahrungen, die ich in den 4 Jahren in Rom gemacht habe, waren rundweg positiv. Im Vatikan war der Aspekt vorhanden, zumal ja niemand von uns „Kardinalin“ werden wollte.

Görlach: Das Thema Missbrauch von Frauen unter dem Deckmantel beziehungsweise im Raum der Religion hat eine traurige Dringlichkeit. Wie kann dem Machtmissbrauch von männlichen, religiösen Führern gegen Frauen, und natürlich auch gegenüber Kindern und Jugendlichen, entgegen gewirkt werden?

Schavan: Der erste Schritt ist und bleibt der Abbau von Klerikalismus, weil die damit verbundene Überhöhung ein Einfallstor für den Missbrauch in all seinen Formen ist. Die Erwartung von Rechenschaft und Transparenz in der Institution Kirche muss erfüllt und eine Verwaltungsgerichtsbarkeit eingeführt werden.

Görlach: Ihr Ausblick für die Welt im 21. Jahrhundert: wie werden an dessen Ende Frauen in Religion, Politik und Diplomatie verankert sein und welche positiven Veränderungen wird dies mit sich gebracht haben?

Schavan: Für mich stehen die 20er Jahre dieses Jahrhunderts im Vordergrund. Es ist noch schwer absehbar, wohin sich die Welt entwickelt. Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht in einem Buch vom Ende der Illusionen in Politik, Ökonomie und Kultur. Dem entspricht die Entwicklung von neuen autoritären und nationalistischen Strukturen. Die Freiheitsgeschichte, von der wir vor 30 Jahren glaubten, sie sei ein globaler Selbstläufer, stockt augenscheinlich. Deshalb werden wir im weltweiten Wettstreit der Wertesysteme für die Ideen von Freiheit, Respekt und Gleichberechtigung überzeugend eintreten müssen. Und es ist dann eben auch wünschenswert, dass die Religionen dabei zu Vorreitern werden.

Annette Schavan


Short Biography

Annette Schavan, *1955, war 25 Jahre in Politik und Diplomatie tätig, u.a. als Bundesministerin für Bildung und Forschung in Deutschland (2005-2013) sowie als Botschafterin Deutschlands beim Hl. Stuhl (2014-2018). Heute wirkt sie in Stiftungen und lehrt als Gastprofessorin in der Shanghai International Studies University.

Artikel
left
right

I-1 | Annette Schavan: „Den Einsatz von Frauen auf allen Ebenen stärken“

Daran, wie sie Frauen einbinden, wird sich die Zukunft der Religionen entscheiden, befindet Annette Schavan, ehemalige Bundesministerin für Forschung und Bildung. Die engagierte Katholikin war zudem Botschafterin der Bundesrepublik am heiligen Stuhl.

I-2 | Margot Käßmann: „Echte Begegnungen sind oft eine gegenseitige Ermutigung“

Margot Käßmann hat sich aus vielen Ämtern zurückgezogen. Ihre Zusammenarbeit mit Ring for Peace stellt eine Ausnahme dar. Alexander Görlach spricht mit der ehemaligen Regionalbischöfin über Frieden, Frauen, Fundamentalismus und darüber, warum die Versammlung in Lindau etwas bewirken kann.

I-3 | Margrit Wettstein: „Alle Frauen hier haben etwas getan, etwas, das einen Unterschied gemacht hat“

Margrit Wettstein arbeitet für das Nobelpreismuseum in Stockholm. Nur wenige Menschen wissen besser Bescheid als sie, welche Frauen jemals den Nobelpreis erhalten haben und welche Schicksale hinter diesen Preisträgerinnen stecken.

I-4 | Azza Karam: „Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren ist sinnvoll“

Erfahren Sie, warum Prof. Azza Karam der Meinung ist, dass es für die Vereinten Nationen unvermeidlich ist, mit religiösen Führungspersonen und Bewegungen zusammenzuarbeiten. Und finden Sie heraus, welche Herausforderungen für Frauen Azza Karam identifiziert hat, die auftreten, wenn diese religiöse Führungspositionen ausüben wollen.

I-5: Gunnar Stålsett: „Rechte der Frau sind im 21. Jahrhundert ein religiöser, moralischer und politischer Imperativ“

Die ökumenische Einheit der Kirchen hängt im besonderen auch von der Frage ab, inwiefern Frauen und Männer gleichgestellt sind, erklärt der ehemalige Bischof Gunnar Stålsett. Damit Frauen in der orthodoxen Kirche mehr Rechte erhalten, vermutet Stålsett, braucht es einen religiösen Führer der bereit ist, seine eigene Zukunft für die Zukunft der Kirche zu riskieren.

I-6 | Sima Samar: „Ich glaube, dass Frauen einer der Hauptgründe für den Fortbestand der Menschheit sind“

Sie war die erste Frauenministerin in Afghanistan nach dem Machtverlust der Taliban im Jahr 2002. Seitdem hat sich für viele Frauen in Afghanistan fast alles verändert, wie Sima Samar in diesem Interview rekapituliert.

I-7 | Antje Jackelén: „Zu viele Menschen trinken aus einem sehr giftigen Cocktail“

Erfahren Sie, was sich hinter den fünf Ps verbirgt, die den giftigen Cocktail ausmachen, von dem im Moment zu viele Menschen trinken. Die Erzbischöfin der Schwedischen Kirche erklärt auch, warum sie empfiehlt, Belastbarkeit, Koexistenz und Hoffnung zu kultivieren, um mit diesem giftigen Cocktail umgehen zu können.

 

I-8 | Rachel Rosenbluth: „Ich rufe die Männer auf, weniger zu reden und mehr zu hören“

Rachel Rosenbluth ist eine der ersten jüdischen Frauen, die als Rabbinerin ordiniert worden sind. Lesen Sie, warum Sie sich als Brückenbauerin versteht und wie sie der Einladung folgte, einem zehntägigen Sufi-Pilgerfest in Indien teilzunehmen.

I-9 | Ani Zonneveld: „Universelle Menschenrechts­werte und der wahre Islam sind ein und dasselbe“

Sie ist die erste malaysische Grammy-Gewinnerin und gründete die gemeinnützige Organisation „Muslime für Progressive Werte“. Diese fordert, dass muslimische Gesellschaften Menschenrechte stärker in den Blick nehmen. Erfahren Sie, warum viele junge Muslime wie Zonneveld den Islam für Reformbedürftig halten.