Portrait of Religions for Peace General Secretary Azza Karam
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Issue 1: trans­forming tomorrow

/ 4. Interview mit Azza Karam

"Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren ist sinnvoll"

Azza Karam

Erfahren Sie, warum Prof. Azza Karam der Meinung ist, dass es für die Vereinten Nationen unvermeidlich ist, mit religiösen Führungspersonen und Bewegungen zusammenzuarbeiten. Und finden Sie heraus, welche Herausforderungen für Frauen Azza Karam identifiziert hat, die auftreten, wenn diese religiöse Führungspositionen ausüben wollen. Die Generalsekretärin von Religions for Peace erklärt uns auch, was die Ziele der Versammlung in Lindau sind.

Interview von Alexander Görlach 28.10.2020

Görlach: Die Vereinten Nationen arbeitet mit religiösen Führungspersönlichkeiten in der Welt zusammen: Warum gerade mit Religion als Teil der Zivilgesellschaft?

Karam: Ihre Frage enthält bereits die Antwort. Die Vereinten Nationen arbeiten zum Teil mit religiösen Akteuren, weil sie zivilgesellschaftliche Akteure sind. Die Vereinten Nationen setzen sich zumindest seit den 1970er Jahren in allen Arbeitsbereichen – Frieden und Sicherheit, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung – sehr bewusst und systematisch mit der globalen Zivilgesellschaft auseinander. Die UN-Charta selbst wurde mit Beiträgen von Mitgliedern der Zivilgesellschaft entwickelt. Die Frage sollte lauten: Warum hat es so lange gedauert – von der Gründung der Vereinten Nationen bis mindestens 2000 und sogar später –, bis sich die Vereinten Nationen aktiver mit religiösen Akteuren auseinandersetzten? Über die Antworten auf diese Frage, Alexander, habe ich ausführlich geschrieben. Ich lade Sie dazu ein, das Ergebnis aus 30 Jahren Arbeit zu zitieren, das in der „kurzen Antwort“ so lautet: Die Vereinten Nationen – und häufig Regierungen und zunehmend auch Unternehmen und andere NGOs – arbeiten aus sechs Hauptgründen mit religiösen Akteuren zusammen:

Erstens. Als soziale und kulturelle Gatekeeper in allen Gesellschaften müssen die religiösen Führungspersonen und Institutionen bei jeder Veränderung von Verhaltensweisen und Perspektiven – das heißt bei sozialen und kulturellen Normen – mit ihren Gemeinden sprechen und sich für diese Veränderungen beschäftigen. Nur dann können die erforderlichen Änderungen angegangen werden – zum Beispiel wie man während dieser Pandemie sicher und gesund bleibt. Abgesehen von Westeuropa hat der Rest der Welt den Glauben als zentralen Bestandteil des Denkens, Glaubens und Verhaltens der Menschen beibehalten. Zu lange hat das UN-System mit einer westeuropäischen Denkweise gearbeitet – und tut es immer noch. So wurden die Rollen und Auswirkungen religiöser Einflüsse an den Rand gedrängt. Oder wurden einfach blind dafür. Notabene: Erst der gravierende Schock, den der 11. September 2001 auslöste, führte dazu, dass die weitgehend verwestlichte Führung der UN anfing, ernsthafte Fragen zur Religion zu stellen.

Zweitens. Als der größte, älteste und weitreichendste Anbieter sozialer Dienste kümmern sich Religionen seit jeher um die Bedürfnisse der Menschen in den Fragen der Gesundheit, Bildung, Ernährung, Hygiene und Umweltschutz und so weiter. Wo befinden sich die ältesten Krankenhäuser, Hospize und Kliniken? In Kirchen und Moscheen und Tempeln. Wo die ältesten Schulen? In Kirchen und Moscheen sowie Synagogen und Tempeln. Und so weiter.

Drittens. Als Ersthelfer in der humanitären Krise sind mindestens vier der zehn weltweit führenden humanitären NGOs religiös inspiriert. Religiöse Stätten sind oft die ersten Anlaufstellen in einer natürlichen oder von Menschen verursachten humanitären Krise, wie zum Beispiel bei bewaffneten Konflikten.

Viertens. Als stark engagierte Akteure in der Politik und vernetzt mit politischen Führern sind religiöse Führungspersonen und Bewegungen mitsamt ihrer gesamte religiösen Infrastruktur mittlerweile Partner bei Aktionen und „spirituelle Berater“. Und sie geben auch Impulse für politische Aktionen – neben politischen Parteien und Politikern.

Fünftens. Religionen zählen zu den kreativsten Institutionen der Welt mit eigenen Ressourcen. Mit ihren Netzwerken an Freiwilligen und ihren Möglichkeiten, Spenden zu sammeln, sind bei weitem besser aufgestellt als alle anderen säkularen NGO-Kollegen – mit Ausnahme von Unternehmen. Denken Sie an wohltätige Spenden in christlichen, buddhistischen und hinduistischen Zusammenhängen. Denken Sie an die islamische Zakat und islamische Finanzierungsinstitutionen sowie an die Vatikanbank und so weiter. Kurz gesagt, ob für soziale, kulturelle, entwicklungspolitische, humanitäre, finanzielle und politische Zwecke, die Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren ist „sinnvoll“.

Sechstens. Last but not least: Wenn Religionen als Quelle von Terrorismus, Gewalt oder Extremismus identifiziert werden und wenn religiöse Gründe als Ursachen angegeben werden, um entweder internationale Menschenrechtsnormen und -gesetze zu ignorieren oder eine von ihnen zu verletzen, wie kann man dann NICHT die Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren suchen? Wenn einige dieser Bereiche die Ursache oder Quelle von Schaden und Schmerz sind, wie können wir dann nicht versuchen, die Heilmittel in ihnen zu finden?

„Nur wenn wir Gespräche, Diskussionen, Debatten und tatsächliche Partnerschaften eingehen, um zusammenzuarbeiten, schaffen wir damit eine sachkundigere, umfassenders und effektivere Gesamtsituation, die sicherstellt, dass alle Menschenrechte geschützt sind.”

Azza Karam

Görlach: In vielen Teilen der Welt hat die Religion immer noch die Regeln des Alltags festgelegt, nicht alle in Übereinstimmung mit den Menschenrechten, für die die UN stehen. Warum sich trotzdem mit religiösen Führern beschäftigen?

Karam: Genau deshalb muss die Auseinandersetzung mit den Bereichen der Religion – die weitaus größer, breiter und vielfältiger sind als JEDER andere Bereich der menschlichen Existenz – vorsichtig, prinzipiell und systematisch erfolgen. Es sollte niemals das sein, was wir heute innerhalb und außerhalb der UN beobachten: eine Mode, eine Fotomöglichkeit, ein Mittel zum Zweck. Ich bin schon immer für folgendes eingetreten: Weltliche Institutionen müssen mit denjenigen religiösen Akteuren zusammenarbeiten, deren Werte auf Augenhöhe stehen und die Schnittstellen mit Menschenrechten haben. Alle Menschenrechte, wie wir sie kennen, leiten sich aus den Werten ab, die allen religiösen Traditionen gemeinsam sind.

Diejenigen religiösen Akteure, die die Menschenrechte sehen und für sie kämpfen – und ich bin überzeugt, dass dies die Mehrheit ist, auch wenn sie sich das nicht selbst eingestehen –, sind auch diejenigen, die diese Rechte am effizientesten und effektivsten artikulieren und für sie eintreten können unter allen Gemeinschaften. Da sie als Teil religiöser Werte und Verpflichtungen gesehen und als solche angesehen werden.

Die Herausforderung besteht darin, dass einige religiöse Institutionen und Führungspersonen einen Anspruch auf Außergewöhnlichkeit erheben, der sie über die in den internationalen Menschenrechtsgesetzen verankerten Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen stellen soll. Dieser Anspruch auf Außergewöhnlichkeit ist zwar nachvollziehbar, weil die Heilige Schrift schon lange Zeit vorlag, noch bevor alle Menschenrechte, wie sie heute formuliert sind. Aber dieser Anspruch ist oder sollte irrelevant sein, wenn die gesamte Menschheit am selben internationalen Maßstab gemessen wird, der wiederum die Grundlage bildet für globales Recht und Ordnung.

Wo und wann religiöse Gründe hergenommen werden, um zu unterdrücken, unterzuordnen, auszumerzen oder die Würde eines Menschen und seines notwendigen Ökosystems zu verletzen, stehen diese Gründe nicht im Einklang mit Menschenrechten oder -gesetzen. Davon abgesehen behaupte ich, dass derartige Gründe nicht einmal im Einklang stehen mit den geistigen Lehren der Religionen selbst. Denn keine Religion steht dafür, einen Mitmenschen zu entwürdigen oder für die Zerstörung des Lebensraums der gesamten Menschheit – unserer natürlichen Ökosphäre.

Aber wenn wir darüber in unseren Elfenbeintürmen in New York, Washington, Genf, Rom, Wien, Brüssel oder Berlin sinnieren, kommen wir nirgendwo hin – tatsächlich haben auch das schon geschafft. Gefährlicher ist es noch, wenn wir religiöse Institutionen und Akteure marginalisieren. Religiöse Institutionen werden schließlich seit jeher zur Machtausübung benutzt – politisch, sozial und wirtschaftlich. Die Annahme, dass dies einfach so beiseite gelegt oder nur auf der Basis von „man müsste nur“ angegangen werden könnte, zeugt von Arroganz und Ignoranz. Stattdessen sind Dialog und Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren eine unabdingbare Voraussetzung für die Nachhaltigkeit von Mensch und Umwelt. Nur wenn wir Gespräche, Diskussionen, Debatten und tatsächliche Partnerschaften eingehen, um zusammenzuarbeiten, schaffen wir damit eine sachkundigere, umfassenders und effektivere Gesamtsituation, die sicherstellt, dass alle Menschenrechte geschützt sind.

Zusammenarbeit bedeutet, dass wir die Zahl der gleichgesinnten Akteure für das Gemeinwohl erhöhen. Wenn wir die Menschenrechte in den Mittelpunkt des Engagements stellen, arbeiten wir auf die gleichen Ziele hin. Ob wir mit religiösen oder weltlichen Diskursen dorthin gelangen, sollte nicht das Thema sein. Dank der Zusammenarbeit mit religiösen Akteuren erweitern wir den Kreis des gegenseitigen Verständnisses sowohl für deren Existenzberechtigung als auch für deren Arbeitsweise. Damit erreichen wir mehr Menschen in den jeweiligen Gesellschaften und können damit „besser aufbauen“, wenn wir hören, was sie zu sagen haben.

All dies ist das Prinzip von Religions for Peace und die Grundlage des Strategieplans, 2020 bis 2025, und auf der unsere Methodik fußt.

„Ich habe systematisch dafür plädiert, dass „Führung“ ein weitaus umfassenderes Verständnis und eine umfassendere Anwendung ist – in allen Bereichen, insbesondere aber in religiösen –, die als Führung im Dienst neu definiert werden.”

Azza Karam

Görlach: Ihrer Erfahrung nach: Welche Herausforderungen müssen sich Frauen noch stellen, wenn sie eine Führungsrolle in ihrer Gemeinde übernehmen?

Karam: Dieselben Herausforderungen, der sich jede Frau in beruflichen Räumen gegenübersieht: Gehört und respektiert zu werden von genau dem Standpunkt, an dem wir stehen. Genauer gesagt:

Die Herausforderung, nicht weniger gesehen, behandelt oder behandelt zu werden als unsere männlichen Kollegen – selbst von denjenigen, die möglicherweise in denselben Positionen arbeiten.

Die Herausforderung, dass unsere Erfahrungen gewürdigt werden, die wir aufgrund unserer Stärken und Fähigkeiten erworben haben, und die nicht im Vergleich stehen zu Modalitäten, die von westlichen, männlichen, nicht-religiösen und unikultureller Ansichten und Standards definiert wurden.

Die Herausforderung, geschätzt und respektiert zu werden, selbst wenn einige Frauen dieselben Normen und Praktiken – und manchmal sogar die Interpretation von Überzeugungen – herausfordern und ihnen entgegenwirken, die „seit Jahrhunderten existieren“ und als „unbestreitbar“ gelten.

Die Herausforderung, als „anders“ wahrgenommen zu werden, aber nicht als „weniger“. Als fürsorglich und großzügig mit Gefühlen, die vom Glauben inspiriert sind, aber nicht als schwächer oder in irgendeiner Weise weniger stark oder fähig angesehen zu werden, nur weil diese Gefühle bestehen und ausgelebt werden.

Die Herausforderung, Macht neu zu definieren, damit sie ein Raum ist, in dem menschliche Vielfalt gefördert wird – einschließlich der Vielfalt unserer Existenz – und kein Raum, in dem über Unterschiede geurteilt wird.

Görlach: Gab es in der jüngeren Vergangenheit positive Veränderungen hin zu einer höheren Akzeptanz der weiblichen Führung in der Religion?

Karam: Je nachdem, was Sie unter „jüngste Vergangenheit“ verstehen. Es gab immer religiöse Führerinnen. Wo es Glaubensgemeinschaften gab, gab es weibliche Führer – und gibt sie immer noch. Kennen Sie Hildegard von Bingen – gerade Sie, Alexander, müssten Sie gut kennen. Sie war eine von vielen. Ich höre jetzt ihre Kompositionen, während ich Ihnen das schreibe. Ich habe systematisch dafür plädiert, dass „Führung“ ein weitaus umfassenderes Verständnis und eine umfassendere Anwendung ist – in allen Bereichen, insbesondere aber in religiösen –, die als Führung im Dienst neu definiert werden.

Wenn Sie von offizieller Ordination sprechen, gibt es heute buddhistische Priesterinnen und buddhistische Ministerinnen, ordinierte protestantische Geistliche, die heute die Hauptkirchen leiten. Reformierte jüdische Traditionen haben Frauen schon lange zu Rabbinern ordiniert und heute beginnen auch orthodoxe jüdische Gemeinden das zu tun. Muslimische 3aalimas (Gelehrte) und muslimische Juristinnen prägen immer mehr das öffentliche Leben sowie die Scharia-Gerichte. Bahais hatten immer weibliche Führer ihrer „Gemeinschaften“.

Wenn Sie von religiösen Institutionen sprechen, ist das orthodoxe Oberrabbinat Israels seit langem auf viele Frauen angewiesen, um die gesamte Infrastruktur zu erhalten und aufrechtzuerhalten. Der Vatikan hat gerade eine Frau für einen seiner elitärsten Kreise nominiert – de facto als stellvertretende Außenministerin, die die multilateralen Portfolios verwaltet. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat seit fast einem Jahrzehnt eine Frau in ihrem Vorstand.

Wenn Sie von interreligiösen Einheiten sprechen: Das Parlament der Weltreligionen wurde 2018 nominiert und hat eine Frau als Vorstandsvorsitzenden. Heute hat Religions for Peace Frauen als Leiterinnen einiger ihrer interreligiösen Räte und jetzt ihrer globalen Bewegung.

„Wir haben keine andere Wahl, als über Sektoren, Diskurse und Narrativen hinweg zusammenzukommen und dabei alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen.”

Azza Karam

Görlach: Was ist eines der auffälligsten Beispiele für die Auswirkungen, die diese weibliche Führung auf ein Gemeinschaften hat?

Karam: 1996 leitete ich ein internationales Programm, in dem untersucht wurde, welche Auswirkungen Gesetzgeberinnen auf Parlamente auf der ganzen Welt hatten. Die Lehre aus diesen säkularen Gesetzgebungsräumen ist, und war, auch für die Unternehmenswelt sowie für multilaterale (zwischenstaatliche) und staatliche Institutionen von Bedeutung. Aus meiner Forschung – speziell aus dem Jahr 2000, habe ich folgendes herausgefunden: Frauen einbeziehen bedeutet Erfahrungen von Frauen einzubeziehen und das bedeutet einen zusätzlichen Einblick in jedes einzelne Thema zu erhalten. Wenn jeder Mann ein und dieselbe Situation schon unterschiedlich erlebt und jede Erfahrung daraus als wertvoll erachtet wird, um diese Situationen zu verstehen, dann gilt dieselbe Logik auch für eine Frau und dann auch für viele Frauen. Diese Einsichten und die Vielfalt von Erfahrungsrealitäten und professionellen Weltanschauungen beeinflussen, wie Institutionen denken und was sie entscheiden. Aus meiner Forschung kann ich sagen, dass solche Institutionen – wenn Frauen beispielsweise in Führungspositionen innerhalb von Kirchen tätig sind – folgendes Verhalten annehmen: aktiveres Zuhören, also Offenheit, gegenüber Gemeindemitgliedern, umfassendere Entscheidungsprozesse, mehr Vielfalt in Personal- und Arbeitsabläufen und mehr Bereitstellung sozialer Dienste. Umgekehrt werden dieselben Institutionen einer genaueren Prüfung durch die Öffentlichkeit und einer stärkeren Kritik unterzogen. Die Standards für die Führung von Frauen sind fast immer höher oder sogar strenger als die für Männer.

Görlach: Nicht nur die Herrschaft der Religion kämpft mit der Gleichstellung der Geschlechter. Wie kann die Arbeit von Religions for Peace andere Zweige der Vereinten Nationen dazu inspirieren, integrativer zu werden?

Karam: Die höchste Führung der Vereinten Nationen hat heute die Gleichstellung der Geschlechter erreicht (50-50). Das ist übrigens mehr als die Europäische Union. Das kann man von keiner religiösen Institution sagen. Religions for Peace, basierend auf einem einzigartigen Prozess der Einbeziehung von über 200 religiösen Führern, integrierte zum ersten Mal in der religiösen und interreligiösen Geschichte einen integrativen strategischen Planungsprozess für die gesamte Bewegung, in dem speziell die „Gleichstellung der Geschlechter“ als Priorität aufgeführt wird. In der Arbeit mit, für und über die Gleichstellung der Geschlechter als Ziel sowie als Mittel zur Verwirklichung globaler Verpflichtungen von 193 Regierungen (SDGs / Agenda 2030) illustriert Religions for Peace ganz konkret die gesamten Gemeinschaften der Vereinten Nationen, dass religiöse Akteure und Institutionen engagiert, fähig, Befreier und Verfechter der Stärkung der Frauen und der Gleichstellung der Geschlechter sind. Taten sagen mehr als Worte. Jetzt wissen UN-Mitarbeiter, UN-Führung und UN-Missionen, dass zu den religiösen Akteuren weibliche Führer multireligiöser Arbeit auf der ganzen Welt gehören.

Görlach: Was hoffen Sie für das diesjährige Treffen am Bodensee für Religions for Peace?

Karam: Unsere Welt leidet unter der Lautstärke von Diskursen über Hass, Ausgrenzung, Marginalisierung und Gewalt. Im besten Fall sind Konfrontationen und Polarisierung in allen Bereichen heute normal. Die globale Pandemie von Covid-19 hat unsere Möglichkeiten, uns physisch zu versammeln, erheblich verringert, und in einigen Fällen kann dies zu einer Tendenz führen, weniger transparent und möglicherweise sogar weniger beratend bei der Entscheidungsfindung zu sein. Unsere Abhängigkeit von Technologie, die uns bei den Problemen auch hilft, macht uns jedoch auch anfälliger dafür, dass unsere Informationen ohne unsere Zustimmung erfasst werden, und ist weniger vor schädlichen Trends in Cyberräumen geschützt.

Unsere vorherrschenden Narrative – politisch, soziokulturell, historisch, finanziell und religiös – lassen die Kunst der Diplomatie völlig vergessen. Und wenn sich die oben genannten Trends fortsetzen, wird unsere Fähigkeit, als Erdenbewohner und Völker nebeneinander zu existieren, noch stärker beeinträchtigt. Wir haben keine andere Wahl, als über Sektoren, Diskurse und Narrativen hinweg zusammenzukommen und dabei alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen.

Bei der letzten, 10. Weltversammlung der Religionen, die Ring for Peace und die deutsche Regierung ermöglichten und gemeinsam ausrichteten, wurde eine Frau zur Leiterin der weltweiten Bewegung Religions for Peace gewählt. Diese Wahl war möglich dank bestehender weiblicher Führer in der Bewegung sowie männlicher Führer, die engagiert, mutig und visionär sind. Aufgrund dieser Wahl begann ein tugendhafter Zyklus: der Anerkennung des Weiblichen und damit der Ehrung des gesamten Menschen (einschließlich der anderen, männlichen Hälfte), Offenheit für Transformation, Bereitschaft, selbstreflexiv und inklusiv zu sein. All dies, um stärker zu werden in unserer Zusammenarbeit, im Dienst füreinander und für unseren Planeten.

In dieser Versammlung nun, die ein Jahr später im November stattfinden wird,  werden Frauen und Männer zusammenkommen, um Lehren aus dem zu ziehen, was seither geschehen ist. Nicht auf konzeptioneller oder theoretischer Weise, sondern basierend auf konkreten Erfahrungen mit Führung und Dienst in denselben Lebensbereichen, die unsere SDGs formulieren: Friedenskonsolidierung, integrative Führung, Bildung, Umwelt und Humanität. Wir beabsichtigen, den Prozess der Neudefinition der Diplomatie mit der Macht der Religionen und der gemeinsamen Führung von Frauen und Männern zu beginnen. Möge der Allmächtige, das Göttliche uns helfen, die Wellen der treuen und pflegenden und vielfältigen Führung im Dienst an allen zu schaffen, und niemanden zu vergessen.

Azza Karam


Short Biography

Prof. Dr. Azza Karam ist Generalsekretärin für Religions for Peace, der größten multireligiösen Plattform mit 90 nationalen und 6 regionalen interreligiösen Räten. Karam hat auch eine Professur für Religion und Entwicklung an der Vrije Universiteit in Amsterdam in den Niederlanden inne - deren Staatsbürgerin sie ist.

Artikel
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1: Interview with Annette Schavan

The future of religions will be determined by how they integrate women, says Annette Schavan, former Federal Minister for Research and Education. The committed Catholic was also the Federal Republic’s ambassador to the Apostolic See.

2: Interview with Margot Käßmann

Margot Käßmann has retired from many offices. Her engagement with Ring for Peace is an exception. Alexander Görlach talks with the former regional bishop about peace, women, fundamentalism and why the assembly in Lindau can make a difference.

3. Interview with Margrit Wettstein

Margrit Wettstein works for the Nobel Prize Museum in Stockholm. Only few people know better than her, which women ever received the Nobel Prize and which fates are behind these women. Alexander Görlach asked Margrit Wettstein to tell us, who she thinks are the most important award winners.

4. Interview with Azza Karam

Learn why Prof. Azza Karam thinks that it is inevitable for the UN to work with religious leaders and movements. And find out what challenges Azza Karam identifies for women, if they pursue religious leaderships.

5. Interview with Gunnar Stålsett

The ecumenical unity of the churches depends in particular on the question of the extent to which women and men are equal, explains former Bishop Gunnar Stålsett. Stålsett believes that for women in the Orthodox Church to have more rights, a religious leader is needed who is willing to risk his own future for the future of the Church.

6. Interview with Sima Samar

She was the first Minister of Women’s Affairs in Afghanistan after the Taliban lost power in 2002. Ever since, for many women in Afghanistan almost everything changed, as Sima Samar recapitulates in this interview.

7. Interview with Antje Jackelén

Learn, what’s behind the five Ps that make the poisonous cocktail too many people are drinking of right now. The Archbishop of the Church of Sweden also explains, why she recommends cultivating resilience, coexistence and hope to deal with this poisonous cocktail.

 

8. Interview with Sharon Rosen

Read, what Sharon Rosen thinks is the difference between practical work and dialogue. And what is necessary for a fruitful conversation between religions.

9. Interview with Sadhvi Bhagawati Saraswati

Sadhvi Bhagawati Saraswati tells us, why she moved to India and why she thinks that the situation of women in India has improved in the past 25 years.

10. Interview with Rachel Rosenbluth

Rachel Rosenbluth is one of the first Jewish women to be ordained as a rabbi by an orthodox institution in Israel. Read why she sees herself as a bridge builder and how she accepted the invitation to participate in a ten-day Sufi pilgrimage festival in India.

11: Interview with Ani Zonneveld

She is the first Malaysian Grammy winner and founded the non-profit organization Muslims for Progressive Values. This organization calls for Muslim societies to pay more attention to human rights. Learn why many young Muslims like Zonneveld believe Islam needs reform.