Jeffrey Sachs
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Issue 2: Generations in Dialogue

/ 02 | Jeffrey Sachs: „Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt“

Ein Interview von Alexander Görlach 22|07|2021

"Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt"

Jeffrey Sachs

Jeffrey Sachs nimmt die alten Generationen in die Verantwortung: Diejenigen, die jetzt an der Macht sind, müssen handeln. Lesen Sie außerdem, warum eine Entscheidung des Deutschen Bundesverfassungsgerichts weltweit Schule machen sollte.

Görlach: Die diesjährige Konferenz von Religionen für den Frieden beschäftigt sich mit Generationengerechtigkeit – ein aktuelles Thema?

Sachs: Bei der Generationengerechtigkeit geht es um moralische Führung: den Schutz des Planeten und der Kulturen der Welt, gute Regierungen und gute Bildung für alle, so dass jede Generation die nächste unterstützen kann und diese dann die folgenden, um ein gedeihliches Leben zu erreichen. Oder wie die Griechen es ausdrücken: Eudämonie.  

Görlach:  Gerade im Hinblick auf die Bekämpfung des Klimawandels ist die Generationengerechtigkeit ein zentrales Thema: Wie können sich hier die jüngeren und älteren Generationen arrangieren?

Sachs: Am wichtigsten ist, dass die ältere Generation – also die, die heute an der Macht ist – dringend Maßnahmen ergreifen muss, um die Lebensfähigkeit und Bewohnbarkeit der Erde für die Zukunft zu sichern. Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt.  Wenn wir nicht entschlossen handeln, werden wir nicht nur die vom Pariser Klimaabkommen angestrebte Obergrenze der Erwärmung von 1,5 °C überschreiten. Sondern wir riskieren einen verheerenden Runaway-Klimawandel, wenn die Erde auf verschiedene gefährliche, sich verstärkende Rückkopplungsprozesse trifft  – wie das Auftauen des Permafrosts, das Austrocknen der Regenwälder, die Zerstörung der Eisschilde und das Anhalten der Ozeanzirkulation.

„Das Modell des verfassungsmäßigen Schutzes der Umwelt und der Generationengerechtigkeit ist sehr wichtig.”

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Görlach: Der Bundesgerichtshof hat im April letzten Jahres entschieden, dass die Gesetzgebung die Interessen der jetzigen Generationen, die die natürlichen Ressourcen nutzen, und der zukünftigen, die mit den Folgen umgehen müssen, berücksichtigen und abwägen muss. Die Freiheit der älteren Generation endet dort, wo sie die Jüngeren belastet, so das Gericht – wurde dieses Urteil in den USA schon wahrgenommen?

Sachs: Noch nicht. Der US-Verfassungsprozess zur Umweltgerechtigkeit liegt weit hinter anderen Ländern zurück, und der Oberste Gerichtshof der USA wird von konservativen Richtern dominiert, die von konservativen Präsidenten ernannt wurden, die sich wenig um den Klimawandel kümmerten.

Görlach: Wäre das ein Modell für andere Länder, dem man folgen könnte?

Sachs: Ja. Das Modell des verfassungsmäßigen Schutzes der Umwelt und der Generationengerechtigkeit ist sehr wichtig. Der Oberste Gerichtshof in Kolumbien hat die verfassungsrechtliche Verpflichtung zum Schutz des Amazonas anerkannt, und ein Gericht in Den Haag hat kürzlich die Verpflichtung von Shell Oil anerkannt, die Emissionen zu senken.

Görlach: Greta Thunberg und Fridays For Future haben eine globale Bewegung für den Klimaschutz gestartet. Es scheint, dass vielerorts die Elterngeneration und darüber hinaus nicht glücklich mit der Bewegung sind. Warum werden die Bewegung und ihre Forderungen verharmlost und die Kinder damit verhöhnt, sie sollten einfach zur Schule gehen und die Erwachsenen nicht stören? Und ganz besonders: Greta Thunberg ist als Person von Donald Trump genauso herabgewürdigt worden wie die Staatsmedien in China. Was löst sie bei ihren Gegnern aus?

Sachs: Die „Fridays for Future“-Bewegung hat eine große und positive Wirkung gehabt. Die Tatsache, dass Trump Greta Thunberg verunglimpft hat, ist sogar ein Beweis für ihre Wirkung.  Wir sollten auch nicht vergessen, dass Trump ein gefährlicher Psychopath ist. Selbst die obersten Generäle in den USA hatten Angst vor einem Putschversuch von Trump.

„Sehr reiche ältere Menschen, die über riesige Vermögen in Billionenhöhe verfügen, sollten ihr Vermögen besteuern lassen, um damit nachhaltige Investitionen für jüngere Menschen zu finanzieren.”

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Görlach: In den USA gibt es eine breite Bewegung, die den Klimawandel gänzlich leugnet. Liegt das auch an einem Generationskonflikt oder sind andere Gründe vorherrschend?

Sachs: Es gibt viele Ursachen für die Anti-Wissenschafts-Kultur in Amerika.  Ein Teil ist die Propaganda der Ölindustrie und ihrer Medienverbündeten (wie Fox News und das Wall Street Journal).  Ein Teil ist biblischer Fundamentalismus, der den Klimawandel leugnet, weil er nicht in der Heiligen Schrift erwähnt wird.  Die meisten führenden Religionen verbinden Glauben und Wissenschaft, aber einige fundamentalistische Religionen amerikanischer Prägung leugnen die Wissenschaft gänzlich.  Und im Allgemeinen wollen die meisten Amerikaner Maßnahmen gegen den Klimawandel, aber die Lobbys der fossilen Brennstoffe (Kohle-, Öl- und Gasunternehmen) kämpfen gegen Maßnahmen gegen den Klimawandel.

Görlach: Wie könnten die Generationen gemeinsam die Nachhaltigkeitsziele erreichen, die die Erde und den bewohnbaren Planeten für die kommenden Generationen erhalten?

Sachs: Um zu erreichen, was wir versprochen haben, müssen wir neue Pfade einschlagen: das Pariser Klimaabkommen und die 17 Sustainable Development Goals. Sehr reiche ältere Menschen, die über riesige Vermögen in Billionenhöhe verfügen, sollten ihr Vermögen besteuern lassen, um damit nachhaltige Investitionen für jüngere Menschen zu finanzieren. Natürlich sollten die älteren und reicheren Menschen, die den größten Teil des finanziellen Vermögens besitzen, philanthropische Spenden machen, um die globale nachhaltige Entwicklung zu fördern.

Görlach: Sie haben die meiste Zeit Ihrer Karriere mit oder für die Vereinten Nationen gearbeitet. Welche Rolle hat diese internationale Organisation oder könnte sie bekommen, um den Klimawandel zu bekämpfen und Generationengerechtigkeit zu fördern?

Sachs: Die UNO ist die globale Organisation, die nachhaltige Entwicklung, Frieden und Menschenwürde für alle fördert.  Sie ist stark auf die Generationengerechtigkeit und das Wohlergehen zukünftiger Generationen ausgerichtet, durch Gesundheitsversorgung, Ernährung, Beendigung der Armut, hochwertige Bildung und nachhaltige Bewirtschaftung und Pflege der Natur.  Die moralische Charta ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR), in der erklärt wird, dass „alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind.“  Das ist eine universelle Botschaft, die wir uns zu Herzen nehmen sollten. Und wir sollten uns dieser Botschaft weltweit neu widmen, wenn wir im Jahr 2023 das 75-jährige Jubiläum der AEMR erreichen.

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Short Biography

Jeffrey David Sachs ist ein amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, Akademiker, Analyst für öffentliche Politik und ehemaliger Direktor des Earth Institute an der Columbia University, wo er den Titel eines Universitätsprofessors trägt. Er ist bekannt als einer der weltweit führenden Experten für nachhaltige Entwicklung, wirtschaftliche Entwicklung und Armutsbekämpfung.

Sachs ist Direktor des Center for Sustainable Development an der Columbia University und Präsident des UN Sustainable Development Solutions Network. Er ist SDG Advocate des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, António Guterres, für die Sustainable Development Goals (SDGs), eine Reihe von 17 globalen Zielen, die auf einem UN-Gipfel im September 2015 verabschiedet wurden.

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